In meinem momentan andauernden Fieberwahn umspielte mich vorgestern einmal mehr ein Hauch von Nostalgie, als ich zittrig vor meinem Videospielregal kauerte. Süße Versprechungen in meinem Kopf, schöne, aber doch schon lang vergangene Erinnerungen am Bildschirm erneut zu durchleben, ließen mich nach obigem Spiel greifen.

Dabei finde ich „Just Cause“ nicht einmal gut. Eher mittelmäßig. Einzig und allein das unlogisch wie geniale Fallschirm-Feature im Zusammenspiel mit der offenen Spielwelt à la „Grand Theft Auto“ hat mich damals zum Kauf und bis zum Abspann getrieben: Einen Hubschrauber per Seilwinde kapern, mit diesem immer weiter gen Himmel steigen und am höchsten Punkt herausspringen, nur um auf dem Weg nach unten – kurz bevor man den rettenden Schirm öffnet – die fast schon meditativ anmutende Ruhe seines eigenen freien Falls zu genießen. Und hatte ich wieder festen Boden unter meinen virtuellen Füßen, suchte ich den Flugraum über mir sofort wieder nach neuen Opfern in Form von Hubschraubern – oder gar Flugzeugen – ab.

In dieser Reminiszenz schwelgend kam ich also nicht umhin das Spiel zu starten. Kann doch eigentlich gar nicht angehen, dass ich das Spiel so lange nicht gespielt habe. Hat doch Spaß gemacht. So sah es in meinem Kopf aus und in meinem siechenden Körper machte sich wohltuende Euphorie breit. Womöglich könnte diese kleine Gaming-Session förderlich für meine Gesundheit sein? Ja…klar. Aber ganz gleich, was für ein Wahnwitz in meinem Kopf herumspuken mochte, ich war am Ziel, denn soeben hatte ich die Welt von „Just Cause“ betreten: Vor mir ein türkisblaues Meer, unter mir ein weißer Sandstrand, hinter mir saftig grüne Berge und über mir der nur allzu sehr herbeigesehnte strahlend blaue Himmel.
Meine erste Amtshandlung: Die Karte des Inselstaates aufrufen und den nächstgelegenen Flugplatz ausfindig machen. Und da passierte es! Oder vielmehr, es passierte eben nicht: Denn statt der Karte kriegte ich einen pechschwarzen Bildschirm vorgesetzt, auf dem ein grün leuchtendes „Loading“ prangte. Ladebildschirme. Wie ich sie hasse, seien sie auch noch so kurz! Schließlich stellen sie sich ungestraft zwischen uns, die Spieler, und unseren wohlverdienten Spielspaß. Immer und immer wieder! Und dabei hätte gerade ich armer, kranker Tropf die womöglich heilende Wirkung des Spielspaßes doch so bitter nötig! Was ist das denn für ein Sch…?! Schlagartig überkamen mich alte, bereits verdrängte Erinnerungen: Dies ist der Grund gewesen, weshalb dieses Videospiel seit längerer Zeit nur noch als Staubfang dient. Meine Speicherdaten müssen irgendwie defekt sein, denn jedes Mal, wenn ich die Karte aufrufen will, hängt sich das Game auf. Ratlosigkeit machte sich in mir breit, doch ich versuchte mit traditioneller Professionalität eines Videospielers zu reagieren: Dem wilden Drücken aller Tasten, die mein Controller zu bieten hat. Keine Reaktion. Großartig. In meiner aufkommenden Verzweiflung formte sich eine brillante Idee: Vielleicht muss ich dem Spiel einfach nur mehr Zeit geben, um zu Ende zu laden. Was auf dem Reisbrett fehlerlos erscheinen mag, kann in der Realität für einen Videospieljünger nur schwer zu ertragen sein. Aber das Warten könnte sich ja bezahlt machen: Endlich einmal wieder durch die virtuellen Lüfte gleiten! Ich übte mich also in Geduld und versuchte mich abzulenken: Ich ging ins Bad und putzte mir die Zähne, kehrte zurück in mein Zimmer, keine Veränderung auf dem Fernseher, die Xbox gab das übliche Surren von sich – drei Minuten vergingen; Ich prüfte meine elektronische Post, die Nachricht meines Bildschirms blieb jedoch dieselbe, das Rauschen der Xbox glich einer beschädigten Flugzeugturbine  – acht lange Minuten vergingen; ich trank den kompletten Inhalt einer Kanne Tee, begutachtete das bescheidene Hamburger Vor-Frühlingswetter von meinem Fenster aus, während mich das „Loading“ auf schwarzem Grund mit seiner grell grünen Fratze schadenfroh vom Flimmerkasten aus anzugrinsen schien, die Flugzeugturbine rauschte immer lauter, sie war eins geworden mit meiner Geduld – und sie stand kurz vor ihrer unausweichlichen Explosion! Dreiundzwanzig quälende Minuten waren vergangen, es reichte mir und ich tat das einzig Richtige in solch einer Situation: Ich drückte den Power-Knopf. Aus. Ende.
Dreiundzwanzig Minuten für nichts. Anstatt meine zenhafte Geduld zu belohnen machte das Spiel mit jeder verstreichenden Zeiteinheit einen noch größeren Idioten aus mir. Gab es dafür etwa einen just cause, einen gerechten Grund? Ich sah jedenfalls keinen. Aber nun war es eh vorbei, ich wollte das Spiel von nun an hinter mir lassen.
Wisse dies, „Just Cause“: Du Teufelswerk bist von nun an für mich gestorben!

Doch was sollte sich nun schlussendlich als die gelernte Moral dieses Erlebnisses entpuppen?
Dass man lieber nicht auf seinen Instinkt setzen sollte, wenn man sich in einem Zustand geistiger Umnachtung befindet? Möglich, denn eigentlich soll man sich ausruhen, wenn man krank ist.
Oder etwa dass man gleich mehrere Speicherstände gerade für solche Fälle zur Sicherheit anlegen sollte? Bestimmt, denn schaden kann so etwas ja nie und einen großen Aufwand muss man dafür auch nicht mehr betreiben.
Oder womöglich dass der durchschnittliche Hardcore-Gamer nur einen gerade mal haarbreiten und bereits äußerst zerfaserten Geduldsfaden sein Eigen nennen kann? Sicherlich, denn dies entspräche nur allzu sehr der Wahrheit.

Man kann es nämlich drehen und wenden, wie man möchte: Meiner bescheidenen Ansicht nach legt die technikverliebte Generation Videospieler in der heutigen Zeit von Online-Gaming, ergonomischer Wireless-Peripherie und austauschbaren 120GB-Festplatten eine ziemlich verwöhnte Attitüde an den Tag. Denn es ist doch so: Solange die Hardware schnurrt wie ein Kätzchen, wird sie in den höchsten Tönen gelobt, doch wehe, sie fängt an rumzuzicken, dann wird sie nämlich auch schon mal auf Arten benutzt, von denen in der Anleitung tunlichst abgeraten wird.
Und die Konsole bewegt sich auf dünnem Eis, denn es scheint für sie nur allzu einfach den Spieler zur Weißglut zu treiben:
In einem bereits 45-minütigen Bossfight ist auf einmal der Akku vom Wireless-Controller alle, der Endgegner nutzt die Gunst des Moments und reißt einen in Stücke, woraufhin man den gesamten Level erneut durchspielen muss (Ich glaub’s ja wohl nicht!). Oder man spielt gerade eine bisher fehlerfreie Online-Partie seines Lieblings-Shooters, als plötzlich die Internetverbinung unterbrochen wird und man aus dem Spiel geschmissen wird (Warum passiert immer nur mir so etwas?). Oder es tritt sogar der Supergau unter den Technikfehlern ein: Die Konsole gibt ganz den Geist auf und muss dem Hersteller für mehrere Wochen zur Reparatur eingeschickt werden (Minderwertige Schrotttechnik aus Fernost!).

Unglauben trifft auf Selbstmitleid trifft auf Hass. Das Machtverständnis eines Videospielers zu seiner Konsole, während er spielt: Ich kontrolliere dich, du hast zu funktionieren und keine Macken zu haben. Wenn dies die vorherrschende Denkweise der Spieler ist, ist es nur allzu nachvollziehbar, wenn sie beim Eintreten eines der vorher angeführten Beispiele ausrasten. Umso saurer stößt es dem Videospieler auf, wenn ihm sein Spielspaß durch eine unwichtige Kleinigkeit bzw. Banalität, wie in meinem Falle der Absturz der Konsole durch das simple Öffnen einer Weltkarte, zunichte gemacht wird.
Die Konsole dient unserer Unterhaltung, mit welcher wir Spieler im Normalfall Spass gleichsetzen. Wir räumen der Konsole keine Möglichkeit für Fehler ein, denn in jenem Normalfall haben wir ja auch anhaltenden Spass mit ihr. Doch das ist der falsche Gedankengang, denn die gar nicht so selten eintretende Ausnhame bestätigt die wahre Regel, dass die Konsole eben doch keine technische Gerätschaft ist, welche frei von Fehlern ist. Immerhin wird sie von uns Menschen zusammengebaut, was eigentlich Erklärung genug sein sollte.

Nichtsdestotrotz bleibt eines immer gleich, ist man erst einmal von der einlullenden Macht des Videospielens in seinen Bann gezogen worden: Egal wie unglaublich oft, wie furchtbar unvorteilhaft und in welch ungünstigen Momenten uns unsere Spielstation auch im Stich lassen mag, wir kehren immer wieder zu ihr zurück.
Für einen kurzen Augenblick mögen wir ihr zwar die schlimmsten Tode an den Hals wünschen, aber tief in unserem Innersten können wir ihr nicht lange böse sein, denn auch wenn wir es nicht zugeben wollen, unsere Konsole übt einfach eine unvergleichliche Anziehung auf uns aus.

Diese innige Verbindung ähnelt wohl am ehesten einer leidenschaftlichen Beziehung, sie ist ein ständiges Geben und Nehmen, Anziehen und Abstoßen, Lieben und Hassen: Wir schenken der Xbox, der Playstation, der Wii unsere so begrenzte Zeit und unsere ungeteilte Zuwendung, wofür wir im Gegenzug von jeder Einzelnen von ihnen auf eine solch fabulöse Art und Weise verzaubert werden, welche eben nur sie beherrschen.

Sie sind Traummaschinen und zwischen uns und ihnen besteht eine Hassliebe. Eine Hassliebe, in der uns in unbeherrschten Momenten auch manchmal die Hand ausrutschen kann. Aber ich gebe mich weiterhin viel lieber meinen Träumen – mit dem einen oder anderen bösen Erwachen hin – als überhaupt nicht mehr zu träumen. Und deshalb überwiegt in dieser Beziehung auch die Liebe. Und dies ist am Ende ja auch das Entscheidende.

Übrigens, meine Konsole ist bereits wieder eingeschaltet.
Quod erat demonstrandum.

P.S.: Hier der Launch Trailer von „Just Cause“, damit sich all jene, die nichts mit dem Titel anfangen können, sich ein Bild davon machen können. Die exzessive Nutzung des Fallschirms im Trailer bringt besonders gut den Reiz zur Geltung, welcher dieses Feature ausmacht.